Barrierefreiheit in der Praxis
Handgriffe, die keine Fachkenntnis brauchen und die Seite für alle besser machen.
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Warum sollte ich mich darum kümmern?
Aus drei Gründen, von denen jeder für sich reicht:
1. Es betrifft mehr Menschen, als man denkt. Nicht nur Blindheit — auch Sehschwäche, Farbfehlsichtigkeit, motorische Einschränkungen, vorübergehende Situationen wie ein gebrochener Arm oder helle Sonne auf dem Bildschirm.
2. Es macht die Seite für alle besser. Guter Kontrast, klare Struktur, verständliche Sprache, Bedienbarkeit mit der Tastatur — davon profitiert jeder.
3. Es kann verpflichtend sein. Für bestimmte Angebote gelten gesetzliche Anforderungen. Ob Sie dazugehören, hängt von Art und Größe Ihres Angebots ab — das ist eine Frage, die Sie klären sollten, nicht schätzen.
Was oft übersehen wird: Die meisten Verbesserungen kosten nichts. Es sind Entscheidungen beim Schreiben und Einstellen, keine Zusatzarbeit.
Und der praktische Einstieg: Die fünf Punkte im nächsten Abschnitt decken den Großteil ab.
Was sind die wichtigsten fünf Dinge?
Diese fünf bringen den größten Teil, und alle fünf können Sie selbst:
1. Kontrast. Text muss sich deutlich vom Hintergrund abheben. Graue Schrift auf hellgrauem Grund ist die häufigste Barriere überhaupt.
2. Bildbeschreibungen. Jedes inhaltlich wichtige Bild bekommt einen Text, der sagt, was zu sehen ist.
3. Überschriften in der richtigen Ordnung. Eine Hauptüberschrift, darunter Zwischenüberschriften — nicht nach Größe ausgewählt, sondern nach Bedeutung.
4. Sprechende Links. „Zu unseren Leistungen“ statt „hier klicken“. Wer sich Links vorlesen lässt, hört sonst zehnmal „hier“.
5. Bedienbarkeit mit der Tastatur. Alles muss ohne Maus erreichbar sein, und man muss sehen, wo man gerade ist.
Was Sie damit erreichen: den überwiegenden Teil der praktisch relevanten Probleme. Der Rest ist Feinarbeit.
Wie prüfe ich den Kontrast?
Mit einem Prüfwerkzeug — und ersatzweise mit zwei einfachen Tests.
Die Anforderung, grob: Normaler Text braucht ein deutliches Verhältnis zum Hintergrund; große Schrift darf etwas weniger. Die genauen Werte prüft ein Kontrastprüfer, in den Sie die beiden Farbwerte eintragen.
Die einfachen Tests:
- Bildschirmhelligkeit herunterdrehen. Können Sie den Text noch lesen? Wenn nicht, ist er zu blass.
- Auf dem Handy in der Sonne ansehen. Das ist der härteste Test, den es gibt.
Wo es typischerweise fehlt:
- Graue Hilfstexte unter Formularfeldern.
- Text auf Fotos.
- Helle Schrift auf farbigem Grund bei Knöpfen.
- Platzhaltertexte in Eingabefeldern.
Und ein Punkt, der oft vergessen wird: Nicht nur Text braucht Kontrast, sondern auch Bedienelemente. Ein Knopf, der sich kaum vom Hintergrund abhebt, wird nicht gefunden.
Worauf muss ich bei Farben achten?
Vor allem darauf, Farbe nie als einzige Information zu verwenden.
Was das heißt:
- Ein rotes Feld für „Fehler“ braucht zusätzlich Text oder ein Zeichen.
- Ein Diagramm, dessen Linien sich nur durch Farbe unterscheiden, ist für viele nicht lesbar. Ergänzen Sie Beschriftungen oder unterschiedliche Linienarten.
- „Die grün markierten Termine“ ist eine Anweisung, die nicht bei allen ankommt.
Warum: Farbfehlsichtigkeit ist verbreitet — insbesondere die Rot-Grün-Schwäche betrifft einen spürbaren Teil der Männer. Dazu kommen Schwarz-Weiß-Ausdrucke und schlechte Bildschirme.
Der einfachste Test: Stellen Sie den Bildschirm auf Graustufen oder machen Sie einen Schwarz-Weiß-Ausdruck. Ist alles noch verständlich?
Und für Statusangaben: Nutzen Sie Farbe und Wort. „Erledigt“ in Grün ist gut. Nur Grün ist es nicht.
Wie schreibe ich eine gute Bildbeschreibung?
Sie beantwortet die Frage: Was würde jemandem fehlen, der das Bild nicht sieht?
Die Regeln:
- Sachlich beschreiben, was zu sehen ist, nicht was es bedeuten soll.
- Kurz — ein bis zwei Sätze reichen fast immer.
- Nicht mit „Bild von“ anfangen. Dass es ein Bild ist, ist bekannt.
- Keine Wortlisten. Sie helfen niemandem und wirken bei Suchmaschinen negativ.
Beispiele:
- Schlecht: „Bild1“, „Foto“, „Handwerker Musterstadt Elektriker Installation“
- Gut: „Zwei Monteure installieren einen Verteilerkasten in einem Neubau.“
Sonderfälle:
- Rein dekorative Bilder brauchen keine Beschreibung — dann bekommen sie eine leere, damit sie übersprungen werden.
- Bilder mit Text darin — etwa ein Plakat — brauchen den Text in der Beschreibung. Besser: den Text nicht in ein Bild packen.
Und der häufigste Fehler: die Beschreibung vom alten Bild stehen zu lassen, wenn das Bild getauscht wird.
Warum ist die Reihenfolge der Überschriften wichtig?
Weil viele Menschen eine Seite über die Überschriften erschließen — sie springen von Überschrift zu Überschrift, statt alles zu lesen.
Was das voraussetzt:
- Eine Hauptüberschrift je Seite, die sagt, worum es geht.
- Darunter Zwischenüberschriften in absteigender Ordnung, ohne Stufen zu überspringen.
- Überschriften, die etwas sagen. „Leistungen“ ist besser als „Mehr dazu“.
Was Sie nicht tun sollten: Eine Überschriftenstufe wählen, weil die Schriftgröße gefällt. Größe ist Gestaltung, Stufe ist Struktur. Wenn eine Überschrift zu groß aussieht, ist das eine Gestaltungsfrage.
Der Test: Lesen Sie nur die Überschriften der Seite hintereinander. Ergeben sie eine sinnvolle Gliederung? Wenn ja, ist die Struktur in Ordnung.
Und der Nebeneffekt: Dieselbe Struktur hilft Suchmaschinen und macht die Seite für Eilige überfliegbar.
Wie prüfe ich die Bedienbarkeit ohne Maus?
Legen Sie die Maus weg und gehen Sie mit der Tabulatortaste durch die Seite.
Worauf Sie achten:
- Kommen Sie überall hin? Jeder Link, jeder Knopf, jedes Formularfeld muss erreichbar sein.
- Sehen Sie, wo Sie sind? Es muss eine sichtbare Markierung geben. Wenn sie fehlt, ist die Seite blind bedienbar — im schlechten Sinn.
- Ist die Reihenfolge sinnvoll? Sie sollte dem folgen, was man sieht.
- Kommen Sie wieder heraus? Aus einem Fenster, einem Menü, einem Zustimmungsdialog. Wenn Sie feststecken, ist das ein ernstes Problem.
- Funktioniert Escape? Fenster sollten sich damit schließen lassen.
Der häufigste Fund: Ein aufklappendes Menü, das mit der Tastatur nicht zu öffnen ist — oder eines, aus dem man nicht mehr herauskommt.
Wie lange das dauert: Fünf Minuten für eine kleine Seite. Es ist der ergiebigste Test überhaupt.
Worauf muss ich bei Formularen achten?
Auf fünf Dinge — Formulare sind die häufigste Stelle, an der Menschen tatsächlich scheitern.
1. Jedes Feld hat eine Beschriftung, die stehen bleibt. Ein Platzhaltertext im Feld verschwindet beim Tippen und ist damit keine Beschriftung.
2. Fehler werden im Klartext benannt — „Bitte geben Sie eine Telefonnummer an“ statt eines roten Rahmens.
3. Der Fehler steht beim Feld, nicht nur oben auf der Seite.
4. Pflichtfelder sind gekennzeichnet, und zwar nicht nur farblich.
5. Keine Zeitbegrenzung, die zum Abbruch führt.
Was Sie zusätzlich tun sollten: Halten Sie Formulare kurz. Jedes Feld, das Sie nicht brauchen, ist eine Hürde, und datenschutzrechtlich ohnehin fragwürdig.
Und der Test: Füllen Sie das Formular einmal absichtlich falsch aus. Verstehen Sie, was zu tun ist? Finden Sie die Stelle?
Wie schreibe ich verständlich?
Kurz, konkret und ohne Fachjargon, und das hilft nicht nur Menschen mit Einschränkungen.
Die Handgriffe:
- Kurze Sätze. Ein Gedanke je Satz.
- Aktiv statt passiv. „Wir prüfen Ihre Anfrage“ statt „Ihre Anfrage wird geprüft.“
- Bekannte Wörter. Wenn ein Fachbegriff nötig ist, erklären Sie ihn beim ersten Vorkommen.
- Keine Abkürzungen ohne Auflösung.
- Absätze statt Textblöcke. Nach vier bis fünf Zeilen ein Umbruch.
- Das Wichtigste zuerst.
Was Sie vermeiden sollten:
- Schachtelsätze mit mehreren Einschüben.
- Behördendeutsch.
- Wortungetüme, die drei Begriffe zusammenziehen.
Der Test: Lesen Sie den Text laut. Wo Sie stolpern oder Luft holen müssen, ist der Satz zu lang.
Und die ehrliche Beobachtung: Verständlich zu schreiben ist mehr Arbeit als kompliziert zu schreiben. Es lohnt sich trotzdem.
Was ist bei Videos und Ton zu beachten?
Zwei Dinge, und beide werden fast immer weggelassen:
Untertitel. Für alles Gesprochene. Sie helfen nicht nur gehörlosen Menschen — die Mehrheit sieht Videos unterwegs ohne Ton.
Eine Textfassung. Für längere Inhalte. Wer lieber liest oder schnell etwas nachschlagen will, kommt so schneller ans Ziel.
Was Sie zusätzlich beachten sollten:
- Kein automatischer Start mit Ton. Das ist für alle unangenehm und für manche ein echtes Problem.
- Bedienelemente müssen erreichbar sein — auch mit der Tastatur.
- Kein Blinken oder schnelles Flackern. Es kann Anfälle auslösen.
- Wichtige Bildinformation auch ansagen. Wenn im Video eine Telefonnummer eingeblendet wird, sollte sie auch gesprochen oder daneben geschrieben stehen.
Und der pragmatische Weg: Automatisch erzeugte Untertitel als Grundlage nehmen und durchsehen. Die Korrektur dauert einen Bruchteil der Zeit.
Wie prüfe ich meine Seite insgesamt?
In drei Durchgängen, die zusammen eine Stunde dauern:
Durchgang 1 — Werkzeug. Es gibt kostenlose Prüfwerkzeuge, die eine Seite automatisch untersuchen. Sie finden fehlende Bildbeschreibungen, schwache Kontraste und Strukturfehler. Nehmen Sie die Befunde als Liste, nicht als Urteil.
Durchgang 2 — Tastatur. Wie oben beschrieben: Maus weg, mit Tabulator durch.
Durchgang 3 — Vorlesen. Schalten Sie die Vorlesefunktion Ihres Systems ein und hören Sie sich eine Seite an. Das ist ernüchternd und lehrreich.
Was ein Werkzeug nicht findet: ob eine Bildbeschreibung sinnvoll ist, ob die Sprache verständlich ist, ob die Reihenfolge logisch ist. Etwa die Hälfte der Probleme ist nur menschlich zu beurteilen.
Und was Sie mit den Befunden machen: Nach Wirkung sortieren. Ein fehlender Kontrast auf jeder Seite ist wichtiger als eine fehlende Beschreibung bei einem Dekobild.
Brauchen wir eine Erklärung zur Barrierefreiheit?
Wenn für Ihr Angebot entsprechende Pflichten gelten: ja. Ob das der Fall ist, hängt von Art, Größe und Zielgruppe ab.
Was eine solche Erklärung typischerweise enthält:
- In welchem Umfang die Anforderungen erfüllt werden.
- Welche Teile nicht barrierefrei sind und warum.
- Wie man Barrieren melden kann.
- An wen man sich wenden kann, wenn nichts geschieht.
Was Sie unabhängig von der Pflicht tun können: Eine kurze Seite mit einem Ansprechpartner und der Bitte, Probleme zu melden. Das kostet nichts, wirkt aufrichtig und bringt Ihnen die konkretesten Hinweise, die Sie bekommen können.
Bitte nicht: Vollständige Barrierefreiheit behaupten, ohne sie geprüft zu haben. Eine ehrliche Aussage über den Stand ist besser als eine falsche Zusicherung.
Ob und in welchem Umfang Sie verpflichtet sind, klären Sie am besten fachlich ab.
Womit fange ich an, wenn vieles fehlt?
Mit dem, was am meisten Menschen betrifft und am wenigsten Aufwand macht.
Die Reihenfolge:
- Kontrast. Betrifft jede Seite und jeden Besucher, ist eine Einstellungsfrage.
- Bildbeschreibungen auf den wichtigsten Seiten. Nicht alle auf einmal — Startseite, Leistungen, Kontakt.
- Sprechende Links. Suchen Sie nach „hier“ und „mehr“ und ersetzen Sie sie.
- Formulare. Beschriftungen und Fehlermeldungen.
- Tastaturbedienung. Braucht meist Unterstützung.
- Videos. Untertitel nachrüsten.
Wie Sie es einteilen: Eine Stunde pro Woche, vier Wochen lang. Danach ist der Großteil erledigt.
Was Sie besser lassen: auf ein großes Projekt warten. Barrierefreiheit ist keine einmalige Umstellung, sondern eine Gewohnheit beim Einstellen von Inhalten.
Und die wichtigste Gewohnheit: Bei jedem neuen Bild eine Beschreibung, bei jedem neuen Link ein sprechender Text. Dann wächst das Problem nicht nach.
Steht Ihre Frage nicht dabei?
Versuchen Sie es über die Suche — die geht über alle Kapitel auf einmal. Und wenn hier wirklich etwas fehlt, sagen Sie uns Bescheid: im Programm unten rechts über „Fehler melden“.